Warum Relocation-Prozesse auf Executive-Ebene in der Angebotsphase scheitern – und wie Kandidatinnen und Kandidaten dies vermeiden können
Executive Insight
Aus unserer Erfahrung mit internationalen Executive-Search-Mandaten in Europa, dem Nahen Osten und der GUS-Region scheitert etwa jeder zehnte Relocation-Prozess erst in der finalen Phase – obwohl bereits ein Angebot vorliegt. Der Grund ist dabei häufig weder das Zielland noch das Unternehmen. Vielmehr werden die praktischen Auswirkungen eines Umzugs oft erst dann ernsthaft betrachtet, wenn das Angebot konkret auf dem Tisch liegt.
Einleitung
Internationale Relocation ist heute ein fester Bestandteil vieler Executive-Karrieren. Unternehmen suchen zunehmend über nationale Grenzen hinweg nach Führungspersönlichkeiten mit der passenden Erfahrung, während erfahrene Executives offener denn je für berufliche Chancen im Ausland sind.
Trotz dieser wachsenden Mobilität zählt Relocation nach wie vor zu den häufigsten Gründen, weshalb Executive-Recruiting-Prozesse kurz vor dem Abschluss scheitern.
Im Executive Search gibt es kaum eine frustrierendere Situation, als wenn eine Kandidatin oder ein Kandidat monatelange Interviews, Assessments und Vertragsverhandlungen erfolgreich durchläuft – nur um das Angebot unmittelbar vor der Vertragsunterzeichnung abzulehnen.
Besonders überraschend ist dabei, dass das Thema Relocation von Anfang an transparent kommuniziert wurde. Bereits im ersten Gespräch war klar, dass die Position einen Umzug erfordert. Das Zielland wurde während des gesamten Prozesses thematisiert, die Gehaltsvorstellungen schienen übereinzustimmen, und die Bereitschaft zur Relocation wurde mehrfach bestätigt.
Und dennoch fällt die Entscheidung am Ende anders aus.
Relocation ist leicht vorstellbar – bis sie Realität wird
Zu Beginn eines Bewerbungsprozesses ist Relocation zunächst eine Vorstellung. Der Fokus liegt auf der neuen Position, der Führungsverantwortung und den Karrieremöglichkeiten. Offen für einen Umzug zu sein bedeutet jedoch nicht automatisch, tatsächlich bereit dafür zu sein. Das eine ist eine theoretische Überlegung – das andere verändert das Leben aller Beteiligten.
Das Gespräch, das häufig zu spät geführt wird
Viele Führungskräfte sprechen erst nach Erhalt eines konkreten Angebots ausführlich mit ihrem Ehe- oder Lebenspartner über einen möglichen Umzug. Plötzlich werden Fragen zu den jeweiligen Karrieren, den Kindern, Schulen, älter werdenden Eltern, Immobilien oder dem zukünftigen Lebensstil konkret.
Aus Sicht des Recruiters hat sich nichts verändert. Aus Sicht der Kandidatin oder des Kandidaten hingegen verändert sich plötzlich alles.
Warum sich Gehaltsvorstellungen plötzlich verändern
Ein weiterer häufiger Grund für einen Rückzug in der Schlussphase sind veränderte Vergütungserwartungen.
Zu Beginn des Prozesses nennen viele Kandidatinnen und Kandidaten eine Gehaltsvorstellung, die grundsätzlich passend erscheint. Sobald der Umzug jedoch real wird, beginnen sie, sämtliche finanziellen Auswirkungen einzubeziehen: Wohnkosten, Steuern, Krankenversicherung, internationale Schulgebühren, Reisekosten, Veränderungen bei der Altersvorsorge oder den möglichen Wegfall des Einkommens des Partners oder der Partnerin.
Die Folge: Die Erwartungen steigen – während das Budget des Unternehmens häufig bereits genehmigt und nicht mehr flexibel ist.
Die Psychologie hinter solchen Entscheidungen
In den meisten Fällen handeln Kandidatinnen und Kandidaten nicht unaufrichtig. Vielmehr treffen sie ihre endgültige Entscheidung erst dann, wenn die Relocation greifbar wird.
Große Lebensentscheidungen werden fast immer komplexer, sobald sie den Bereich der Theorie verlassen und zur konkreten Realität werden.
Die Kosten einer späten Absage
Absagen in der finalen Phase verzögern strategisch wichtige Einstellungen, binden erhebliche Ressourcen auf Unternehmensseite und führen nicht selten dazu, dass der gesamte Suchprozess von vorne beginnen muss.
Unternehmen, Recruiter sowie Kandidatinnen und Kandidaten verlieren dadurch gleichermaßen Zeit, Dynamik und wertvolle Chancen.
Fragen, die sich jede Kandidatin und jeder Kandidat vor einem Relocation-Prozess stellen sollte
Bevor Sie einer Relocation grundsätzlich zustimmen, sollten Sie sich folgende Fragen ehrlich beantworten:
- Habe ich bereits offen mit meinem Ehe- oder Lebenspartner über einen Umzug gesprochen?
- Haben wir ein realistisches Bild davon, wie unser Leben im neuen Land aussehen würde?
- Habe ich die gesamten finanziellen Auswirkungen eines Umzugs berechnet – und nicht nur das Gehalt betrachtet?
- Kenne ich das Mindestvergütungspaket, das den Umzug für mich tatsächlich attraktiv machen würde?
- Welche realistischen Gründe könnten mich in sechs Monaten daran hindern, tatsächlich umzuziehen?
Kernaussage
Die wichtigste Entscheidung für oder gegen eine Relocation sollte nicht erst dann getroffen werden, wenn das Vertragsangebot vorliegt. Sie sollte bereits vor dem ersten Interview fallen – nach offenen Gesprächen mit der Familie und einer realistischen Einschätzung der finanziellen Auswirkungen.
Fazit
Erfolgreiche internationale Relocation hängt nur selten von einem einzelnen Interview oder einem attraktiven Vergütungspaket ab. Entscheidend sind eine frühzeitige Vorbereitung, offene Gespräche und realistische Erwartungen.
Wer sich bereits zu Beginn des Prozesses intensiv mit den persönlichen und finanziellen Konsequenzen auseinandersetzt, trifft fundiertere Entscheidungen. Gleichzeitig profitieren Unternehmen von einer höheren Planungssicherheit, weniger unerwarteten Absagen und einem deutlich effizienteren Recruiting-Prozess.
